Gottesdienste

Online-Andacht für den Sonntag Misericordias Domini 2021 (18. April)

Foto: Wikipedia

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Wir Menschen sind wie Stehaufclowns

In einem Text zum heutigen Sonntag heißt es: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“ (1 Petr. 5,5)

Wie schnell meint man nicht bei diesem Vers aus dem ersten Petrusbrief: „Die Hochmütigen, das sind die anderen. Wie gut, dass ich ein demütiger Mensch bin. Denn den Demütigen gibt er Gnade.“ Und dann fallen uns vielleicht sogar ein paar Personen ein, die wirklich hochmütig sind, Politiker, Nachbarn, Kollegen, Schulkameraden, Wirtschaftsbosse. Die stolz ihr Kinn recken, sich Gott weiß was einbilden und aus deren Augen der Hochmut nur so sprüht.

Doch indem man so denkt, fällt einem gar nicht auf, dass man schon selbst hochmütig ist. Dass man sich selbst über die sogenannten „Anderen“ erhebt. Hochmut schleicht sich ganz leicht in unser Verhalten ein, wenn man sich heimlich besser fühlt als die anderen. Und dabei eine Tatsache ganz verdeckt: Man tut so, als sei man gut, christlich, demütig und setzt sich im Geiste von den Anderen ab.

Ich wage sogar zu behaupten, dass alle Menschen auf eine gewisse Weise hochmütig sind.

Die Demut, von der hier geredet wird, ist nämlich ein Geschenk Gottes. Sie macht wahres Zusammenleben möglich, doch nicht aus eigener Kraft, sondern durch Gottes Hilfe. Demut ist da, wo wahre Liebe ist, und wahre Liebe ist immer Geschenk Gottes. Wer meint, selbst für Liebe und Demut sorgen zu können, der ist schon wieder hochmütig. Doch wenn in einer Gruppe von Menschen gegenseitige Achtung, Liebe und Demut zu spüren ist, dann spüren wir auch Gottes Geist, der in uns wirkt.

Mit anderen Worten: Sei selbstlos, offen und ohne Hintergedanken, verfolge keine (heimlichen) Ziele zum eigenen Vorteil und lasse den Dingen freien Lauf, dann kommen Gottes Gnadengeschenke in Fülle. Das gelingt allerdings selbst dem friedlichsten und demütigsten Menschen nicht! Es ist wie mit dem Stehaufmännchen aus dem Kinderzimmer. Wenn ich es loslasse, dann steht es sofort wieder aufrecht – dann ist es sofort wieder eitel und hochmütig.

Wir Menschen sind alle so etwas wie Stehaufclowns oder Stehauffiguren. Und das ist ja auch gut so! Natürlich müssen wir uns im Leben behaupten. Umgangssprachlich wird der Begriff Stehaufmännchen r solche Personen verwendet, die sich nicht durch Niederlagen oder Misserfolge entmutigen lassen. In der Psychotherapie wird diese Fähigkeit als Resilienz bezeichnet. Ja, das ist es, was wir unseren Kindern beibringen: „Hab Mut, lass dir nicht alles gefallen, vertrau auf deine Kräfte. Du kannst das besser als die anderen!“

Doch der Weg zum Hochmut ist oftmals nur einen kurzen Schritt weit entfernt. Und übertriebener Hochmut ist leider zerstörerisch, deshalb widersteht Gott ja den Hochmütigen.

Aber wir haben es jederzeit in der Hand, können jederzeit demütig werden. Wir können uns täglich einen Moment für die Demut reservieren, eine halbe Stunde, eine Stunde, vielleicht zwei. In jeder Sekunde unseres Lebens können wir entscheiden, unsere Interessen hintanzustellen, Liebe zuzulassen, uns selbst nicht so wichtig nehmen, die Wunder der Natur wahrnehmen, einmal zuzuhören, dem Konzert der Vögel zu lauschen, die Bedürfnisse meiner Mitmenschen zu sehen. In jeder Sekunde unseres Lebens können wir entscheiden, das Stehaufmännchen, das wir sind, runter zu drücken und demütig zu sein.

Versuchen Sie es, erst einmal und dann immer wieder.

„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“

Amen.

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