Gemeindebriefe

Wozu Fasten inmitten der Pandemie?

Zweiter Brief an die Kirchengemeinde Moyland.

Gedanken zu Johannes 13, 21-30 am Sonntag Invokavit, den 21. Februar 2021

Liebe Christinnen und Christen der Kirchengemeinde Moyland,

Ich habe keine Lust mehr auf Lockdown. Ich habe keine Lust mehr auf Vereinsamung, Maskierung, Kontaktverbote, Singverbote. Und immer mehr nagen die Fragen an einem, ob all diese Corona-Maßnahmen überhaupt richtig sind. Kinderärzte etwa warnen besorgt vor schlimmen Schädigungen bei Kindern, die durch die Vereinsamung nicht richtig sprechen lernen und wegen der fehlenden Bewegung Koordinationsschwierigkeiten bekommen.

Alles fällt aus oder ist in die virtuelle Welt verlagert: Spielen, Schule, Freunde-treffen, Geburtstagsfeiern. Kein Weihnachten, kein Karneval, kein Urlaub, Kein Valentinstag, kein gar nichts.

Nicht ganz zu Unrecht sagen jetzt am Beginn der Passionszeit viele Menschen, es gebe keinen Grund zum Fasten. Man verzichte ja eh seit Monaten auf alles. Heute ist der erste Sonntag der Passion- oder auch Fastenzeit (der heutige Sonntag trägt den Namen Invokavit). Aus den Argumenten der Leute hört man Wut und Aggression. „Mir wird sowieso schon soviel abverlangt, ich verzichte sowieso schon auf so viel, da fällt neben dem ganzen eben anderen auch die Passionszeit aus. 2021 wird nicht gefastet! Eben so, als würde man nicht für sich fasten, sondern für andere. Als würde man mit dem Fasten der Kirche, oder Jesus oder Gott einen Gefallen tun.. Zwischen den Zeilen hört sich das an wie: „Wenn Gott Corona zulässt, dann tue ich ihm jetzt nicht den gefallen und faste!“

Dabei geht man allerdings völlig am Sinn des Fastens vorbei. Denn man fastet nicht für andere, man fastet auch nicht, um Gott einen Gefallen zu tun, sondern beim Fasten geht es immer um einen selbst. Bei Fasten geht es immer um die eigene Existenz. Beim Fasten geht es um die Verantwortung für sich selbst.

Die ganzen coronabedingten Opfer sind nämlich kein Fasten, sondern von außen aufgezwungene Einschränkungen, die Krankheiten befördern, Sorgen wachsen lassen, Ängste Überhand nehmen lassen. All diese Einschränkungen sind eine Zumutung, sind Gewalt, Verhinderung, Ver- und Behinderung, sie sind bestenfalls eine Herausforderung, aber sie sind kein Fasten.

Fasten ist immer eine bewusste Entscheidung, ist eine bewusste Reduktion auf das Wesentliche. Fasten ist ein wenig wie bewusstes Wachwerden. Fasten ist wie das Aufhören zu Träumen. Indem man bewusst auf etwas verzichtet, schärft man nämlich den Blick auf die Realität. Fasten ist im Prinzip so wie Pilgern: Man lässt das Gewohnte, das Prägende, ja: das mich beherrschende zurück und konzentriert sich auf die eigene Existenz.

Der Bibeltext für den heutigen ersten Fastensonntag Invokavit hat erst einmal überhaupt gar nichts mit Fasten zu tun. Er führt uns aber genau dorthin, wohin uns auch Fasten und Pilgern führen: Jesus eröffnet seinen Jüngern im Johannesevangelium, dass einer von Ihnen ihn verraten wird.

„Die Jüngerinnen und Jünger“, so schreibt es der Evangelist Johannes in seinem Evangelium (ganzer Predigttext: Johannes 13, 21-30), „sahen sich untereinander an und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“

Den Jüngerinnen und Jüngern wird bange. Denn sie erkennen in dem Moment, dass es tatsächlich die Möglichkeit gibt, dass sie es sein könnten, die Jesus verraten.

„Was bin ich für einer? Wozu bin ich eigentlich fähig? Mache ich mit dem, was ich tue, eigentlich alles richtig?“

Die Jüngerinnen und Jünger sind mit einem Schlag wach!

Bisher lebten sie in einem Zustand „träumender Unschuld“. „Träumende Unschuld“, ein wunderbarer Begriff, den der evangelische Theologe Paul Tillich (1886–1965) geprägt hat.

Bevor Jesus nämlich sagte, dass einer sie verraten werde, lebten die Jünger in einem träumenden Zustand, in dem sie keine Verantwortung tragen und ihre Verletzlichkeit nicht sehen mussten. Jesus war ja immer da, führte die ganze Gruppe. Gerade eben noch hatte ihnen Jesus die Füße gewaschen.

Doch jetzt, nach Jesu Ausspruch, kommt das Erwachen. Den Jüngern werden die Lasten der Verantwortung ihres Tuns bewusst. Verantwortung für den Tod Jesu. Von nun an werden sie ihr Gewissen hören, werden auf ihr Gewissen hören und überlegen müssen, was richtig und falsch ist.

Jedenfalls sind die Jünger nun so beunruhigt, dass sie einen der ihren vorschicken, bei Jesus herauszufinden, wer denn derjenige sei, der den Verrat begehen würde. Und Jesus sagt, derjenige, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er gibt den Bissen Judas.

Das heißt, nichts geschieht hier zufällig, Jesus bleibt die ganze Zeit Herr des Verfahrens, jeder der Jünger könnte derjenige sein, bis Jesus ihn bestimmt.

Es geht in der Geschichte als um wachwerden, um Selbsterkenntnis, um Klarheit, und Jesus führt durchs Geschehen

Kommen wir also zurück zum Fasten. Denn genauso ist es ja beim Fasten und auch beim Pilgern. Indem ich für einen gewissen Zeitraum auf liebgewonnenes verzichte, gewinne ich Klarheit, indem ich Gewohnheiten sein lasse, Versuchungen widerstehe, komme ich ein Stück zurück zu mir selbst. Merke vielleicht, wie viel Macht diese Gewohnheiten über mich haben, wie abhängig ich von manchen Dingen geworden bin.

Das Fasten klärt den Blick auf die Wirklichkeit, auch und vielleicht im besonderen in dieser Corona-Pandemie.

„Was bin ich für einer? Ist das alles richtig, was wir im Moment machen? Wo bin ich Opfer? Wo vielleicht Täter? Für mich als Pfarrer sind das dann Fragen wie: Ist es richtig, zum Schutz der anderen Gottesdienste nur virtuell zu feiern? Oder bleiben da nicht Menschen zurück, die menschliche Nähe bitter nötig hätten? Ist es richtig, niemanden zu besuchen oder lasse ich Menschen mit seelsorgerlichen Nöten allein? Und was ist mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden?“

Und plötzlich reihe ich mich ein in die Runde der Jüngerinnen und Jünger und mir wird bange.

Was sind Ihre Fragen an Ihre Realität? Wenn Sie es nicht wissen, dann versuchen Sie es mit dem Fasten im Jahre 2021. Und haben Sie keine Sorge vor dem Bange-Werden, denn das lerne ich aus dem Predigttext: Jesus bleibt immer Herr des Verfahrens. Er überlässt uns im Fasten nicht uns selbst, wie er uns auch im Pilgern nicht uns selbst überlässt. Fasten und Pilgern ist nämlich eine zutiefst religiöse Handlung. Im Fasten geht es um mich und um Gott. Um Gott und um mich.

Das letzte Wort in dieser Geschichte soll also Gott haben. Die letzte Tat auch. Ja, Gott wird es zulassen, dass Judas Jesus verrät. Er wird es zulassen, dass Jesus gefangen und gefoltert wird. Er wird es zulassen, dass Jesus sterben wird. Die Jüngerinnen und Jünger werden auseinander gerissen, Aber er überlässt sie nicht sich selbst. Er sammelt sie nach Ostern und schickt sie in die Welt, geschützt und bedeckt. Von nun an müssen sie selbst die Verantwortung übernehmen für ihre Worte und ihre Taten. Es wird vieles schiefgehen, immer wieder. Ein Mensch wird an der falschen Stelle schweigen und an anderer Stelle zu viel reden. Das ist bis heute, so. Aber zwischen den Jüngerinnen und Jüngern und uns liegen nicht nur ein Verrat und ein Ende der Jesus-Gruppe . Dazwischen steht ein Kreuz, auf das sich in den nächsten sieben Wochen der Passionszeit der Blick richtet. Und der an diesem Kreuz hängt, der sagt: Ich war es. Um deinetwillen. Amen.

Euer/ Ihr Pfarrer Gunnar Krüger

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